Katrin · Nero Voss 🇩🇪Deutsch 🇬🇧English

Katrin

Nero Voss
Ein Leben zwischen Mülltonne und Marmortreppe

Kapitel 1Kohle an den Gleisen

Der Frost hatte den Schotter am Gleisdamm zu einer einzigen Fläche zusammengebacken, und Katrin kroch darauf herum wie ein Tier, das etwas verloren hatte. Den Kartoffelsack hatte sie zwischen die Knie geklemmt. Vor ihr lag ein Brocken Kohle, halb im Eis, und sie schlug mit dem Handballen dagegen, bis er sich löste.

Es war noch dunkel. Der erste Zug nach Stratford war längst durch, der zweite kam gegen halb sieben, und was von den Waggons fiel, fiel meistens in der Kurve hinter der Marsh Lane. Das wusste jeder in der Straße, und deshalb war Katrin schon um fünf da.

Eine Regel hatte sie: nur aufheben, was unten liegt. Nie vom Wagen nehmen, nie aus einem fremden Sack, nie aus dem Schuppen. Sie hatte sich die Regel selbst gemacht und hielt sich daran, auch wenn niemand zusah.

Weiter oben am Damm waren zwei Jungen. Den kleineren kannte sie vom Sehen, der andere trug eine Mütze, die ihm über die Ohren rutschte. Die beiden waren schneller als sie, weil sie zu zweit waren und weil sie oben suchten, wo mehr lag.

Katrin rutschte auf einer vereisten Schwelle weg und landete auf der Hüfte. Der Sack kippte um, und zwei Brocken rollten den Damm hinunter.

Oben lachte einer.

Sie sagte nichts, sammelte die beiden Brocken wieder ein und suchte weiter. Ihre Finger waren schwarz bis über die Knöchel, die Nägel schwarz bis unter das Fleisch, und sie rieb sie kurz an der Schürze, als hülfe das. Es half nie.

Der mit der Mütze hielt etwas hoch.

„Kohle.“

„Ist keine Kohle.“

„Doch.“

„Das ist von einem Pferd.“

Sie stritten eine Weile, und dann biss der Kleinere zur Sicherheit hinein.

„Kohle schmeckt besser“, sagte Katrin, ohne aufzusehen.

Der Junge spuckte aus und fluchte, der andere lachte so sehr, dass er selber ausrutschte. Katrin arbeitete weiter. Ihr Sack war jetzt halb voll, vielleicht ein bisschen mehr, und halb voll hieß zwei Tage Feuer, wenn sie sparsam war. Sie war immer sparsam.

Vom Weg her kam Bert Mallow herunter, der Kohlenträger, einen Sack auf dem Rücken und einen zweiten auf dem Karren. Sie sah ihn nicht kommen, sie hörte ihn: Er ging schwer und fluchte leise vor sich hin, wie jeden Morgen.

Dann riss die Naht.

Es machte kein lautes Geräusch, nur ein Reißen und dann das Poltern, und Bert stand da mit einem leeren Fetzen Jute in der Hand, während seine Kohle über den gefrorenen Boden rollte — bis in die Pfütze am Wegrand, bis unter den Karren, bis zu Katrins Füßen.

Die Jungen oben blieben stehen und sahen zu. Eine Frau kam mit einem Eimer vorbei und ging weiter.

Katrin legte ihren Sack hin und fing an zu sammeln.

Sie tat es mit bloßen Händen, Stück für Stück, und legte alles auf den Fetzen, den Bert auf dem Boden ausgebreitet hatte. Die Kanten waren scharf. Nach einer Weile spürte sie die Finger nicht mehr, und das war besser als vorher.

Bert kniete auf der anderen Seite und zählte halblaut mit.

„Vierzehn“, sagte er. „Fünfzehn.“

„Da hinten liegt noch was.“

„Sechzehn.“

Sie holte die drei Brocken aus der Pfütze und schlug das Eis ab.

„Wie viel waren es?“

„Achtundzwanzig“, sagte Bert. „Ungefähr.“

„Dann fehlen noch vier.“

Er sah kurz zu ihr herüber. „Du bist stark für so was Dünnes.“

„Geht schon.“

„Trägst du auch?“

„Ich schaffe das schon.“

Sie fanden noch drei. Der vierte war entweder nie da gewesen oder lag unter dem Karren, und den Karren wollte Bert nicht anheben. Er knotete den Fetzen zusammen und richtete sich auf, während Katrin noch einen Moment knien blieb, weil ihr Kopf leicht wurde, wenn sie an solchen Morgen zu schnell aufstand.

Dann kam der Bahnwärter.

Ord hieß er, und er kam den Damm entlang mit der Laterne am Arm, obwohl es längst hell genug war. Drei Schritte vor ihnen blieb er stehen und sah zuerst auf die Kohle, dann auf Katrin.

„Hier wird nichts mitgenommen.“

Katrin stand auf, und ihre linke Hand ging hinter den Rücken, bevor sie es selbst merkte.

„Die lagen unten“, sagte sie.

„Gar nichts wird mitgenommen. Von niemandem.“

„Ich nehme nichts vom Wagen. Nur, was runterfällt.“

„Was runterfällt, gehört auch jemandem.“

Sie hielt ihren eigenen Sack am Hals fest. Er war halb voll, und sie hatte seit fünf Uhr dafür gesucht.

Ord zeigte mit dem Kinn auf den Karren. „Da steht sein Fuhrwerk. Dann ist es seine Kohle.“

„Das ist es nicht“, sagte Katrin. „Ich war vor ihm da.“

„Du warst überhaupt nicht da. Hier ist Bahngelände.“

Sie sah zu Bert hinüber. Er stand zwei Schritte weiter, den Fetzen über der Schulter, und sie wartete. Sie wartete richtig, so lange, dass es unangenehm wurde. Er hatte seine Kohle wieder, alle bis auf eine, sie hatte sie ihm zusammengesucht, und jetzt musste er nur einen Satz sagen. Einen einzigen.

Bert zog die Uhr aus der Weste und klappte sie auf.

„Schütt ihn aus“, sagte er.

Katrin rührte sich nicht.

„Mach schon. Ich muss zur High Road.“

Sie machte den Sack auf und schüttete ihn aus, aber nicht mit einem Schwung, sondern langsam, Brocken für Brocken, auf Berts Haufen. Es dauerte. Ord sah zu und sagte nichts mehr, weil er ja bekommen hatte, was er wollte; die Jungen oben waren weitergegangen. Bert hielt den Fetzen auf, damit nichts danebenfiel, und das war das Einzige, was er tat.

Der letzte Brocken war klein und flach. Sie hielt ihn eine Sekunde länger als nötig in der Hand und legte ihn dann obendrauf.

„So“, sagte Ord.

Katrin schüttelte den leeren Sack aus und faltete ihn zweimal.

Sie ging den Weg hinunter zur Marsh Lane, den Sack unter dem Arm, und in ihren Händen war nur noch der Staub. Er saß in den Rissen und in den Falten der Handflächen, und wenn sie die Finger schloss, knirschte es leise.

An der Ecke rief Bert ihr etwas nach.

Sie drehte sich um. Sie war fast sicher, sie wusste sogar schon, was sie sagen würde, so etwas wie schon gut oder ist nicht schlimm.

„Kannst du nachmittags noch mal?“, rief Bert. „Vier Säcke. Zur Grove Green Road.“

„Ja“, sagte sie.

Er nickte und ging.

Katrin stand noch da, als er längst um die Kurve war. Dann ging sie heim. Die Tür von Marsh Lane 7 klemmte im Frost, sie musste sie mit der Schulter aufdrücken, und drinnen war es kälter als draußen, weil drinnen kein Wind ging, aber auch keine Sonne hinkam.

Der Ofen war aus. Sie legte die Hand auf die eiserne Platte und ließ sie dort, obwohl sie schon beim Hineinkommen gewusst hatte, wie das ausgehen würde.

Die Platte blieb kalt, so lange sie die Hand auch liegen ließ, und irgendwann nahm sie sie weg.

Im Ofen war noch Asche von vorgestern. Sie kratzte sie mit einem Löffel durch, weil ganz unten manchmal etwas liegt, das nur außen verbrannt ist, und fand drei Klumpen. Zwei zerfielen zwischen den Fingern. Den dritten legte sie auf die Platte, damit er trocknete.

Die Streichhölzer lagen in einer Blechdose auf dem Fenstersims. Vier waren drin. Sie zählte sie zweimal, obwohl sie schon beim ersten Mal gewusst hatte, wie viele es waren, und machte die Dose zu.

Ein Feuer für einen einzigen Klumpen lohnte sich nicht. Ein Streichholz für ein Feuer, das nach zehn Minuten aus war, war ein Streichholz zu viel. Sie machte die Dose trotzdem wieder auf und ließ sie offen stehen.

In der Kammer nebenan lagen die Zeitungen unter der Matratze, wo sie trocken blieben. Sie zog vier Bogen heraus und wickelte sich die Füße darin ein, unter den Strümpfen, weil das half, bis das Papier weich wurde. Danach war es nur noch Papier.

Auf der Fensterbank lag der Kamm.

Er lag da, seit ihre Mutter ihn hingelegt hatte. Katrin hatte ihn ein paarmal weggeräumt und dann wieder hingelegt, weil er weggeräumt falsch aussah. Sie fuhr sich damit einmal durchs Haar, ohne hinzusehen, und legte ihn auf dieselbe Stelle zurück. Das Fenster daneben war mit Pappe zu; durch das andere sah man die Marsh Lane hinunter bis zur Ecke, wo Bert um die Kurve gegangen war.

Draußen wurde es richtig hell. Vom Damm her hörte sie den zweiten Zug, den nach Stratford, und danach das Bremsen unten in der Kurve.

Sie stand auf.

Der Sack lag gefaltet auf dem Tisch. Sie nahm ihn und ließ ihn wieder liegen. Ord ging bis acht am Damm entlang und kam erst mittags wieder, das wusste sie so genau wie die Kurve — aber sie wusste auch, dass er sie jetzt kannte. Vorher war sie eine von vielen gewesen, die dort suchten. Ab heute war sie die, die er schon einmal weggeschickt hatte.

Sie rechnete, während sie am Tisch stand. Vier Säcke bis zur Grove Green Road, das waren zwei Stunden, wenn er den Karren nahm, und drei, wenn nicht. Was Bert dafür gab, hatte er nicht gesagt, und sie hatte nicht gefragt. Sie hatte ja gesagt, bevor sie irgendetwas gefragt hatte, und jetzt war der halbe Tag vergeben für etwas, das vielleicht ein Stück Brot war und vielleicht nichts.

Und wenn nichts, dann blieb der Ofen aus. Auch morgen.

Sie sah auf ihre Hände. Der Staub saß in den Rissen, und wenn sie die Finger schloss, knirschte es. Die Nägel waren schwarz bis unter das Fleisch, und daran war seit dem Sommer nichts mehr zu machen, auch nicht mit Bürste und kaltem Wasser; sie hatte es oft genug versucht. Sie schob die linke Hand in die Schürzentasche, obwohl niemand im Zimmer war.

Der Sack hatte noch Staub in den Falten. Sie drehte ihn um, hielt ihn über die offene Ofenklappe und klopfte, bis alles heraus war, was noch darin gewesen war. Es reichte für eine hohle Hand. Kohlenstaub allein brennt nicht, das wusste sie — der glüht ein bisschen und geht wieder aus, wenn nichts darunter liegt.

Sie schob zwei Bogen Zeitung darunter.

Beim ersten Streichholz brach der Kopf ab. Das zweite fing Feuer, sie hielt es an das Papier, und das Papier ging hoch, wie Papier eben hochgeht: mit viel Licht und ohne Wärme. Der Staub darüber glomm rot. Sie beugte sich vor und blies vorsichtig hinein, und eine Weile sah es aus, als würde etwas daraus.

Dann war es Asche.

Sie blieb noch auf den Knien und hielt die Handflächen dorthin, wo es eben noch warm gewesen war. Die eiserne Platte gab nichts zurück.

Zwei waren noch in der Dose.

Draußen ging jemand vorbei und redete, und sie hob den Kopf, weil man das automatisch tut, aber die Schritte gingen weiter bis zur Nummer neun, wo die Tür klappte.

Vielleicht Brot. Bert gab manchmal Brot, das hatte sie von anderen gehört. Vielleicht auch nichts, und dann hatte sie einen Nachmittag getragen, war abends kaputt und hatte immer noch keinen Ofen.

Im Eimer neben der Tür lag ein Finger Eis, sonst nichts. Sie hatte am Abend vergessen, ihn zu füllen — oder sie hatte es nicht vergessen, sondern war zu müde gewesen, was auf dasselbe hinauslief.

Sie schlug das Eis am Türrahmen heraus und hielt sich ein Stück davon an den Mund. Es schmeckte nach dem Eimer.

Katrin band das Tuch fester und nahm den Eimer.

Bis zum Brook waren es hundert Schritte, und das Wasser dort war das, was es war. Aber es war Wasser, und ohne Wasser konnte sie nichts abwaschen, nichts aufsetzen und nachher auch nichts trinken.

An der Tür blieb sie stehen und sah auf ihre linke Hand.

„Ich schaffe das schon“, sagte sie, zu niemandem, und drückte die Tür mit der Schulter auf.

Am Ende der Marsh Lane stand Sam Tovey, die Zeitungen unter dem linken Arm.

„Katrin.“

Sie blieb stehen. Er sagte ihren Namen so, wie andere Leute Guten Morgen sagten, ohne dass etwas dahinter kam.

„Von gestern“, sagte er und zog vier Bogen aus der Mitte des Stapels. „Feucht sind sie nicht.“

Sie nahm sie und klemmte sie unter den Arm, an dem der Eimer nicht hing.

„Ord war am Damm“, sagte er.

„Ich weiß.“

„Der bleibt jetzt eine Weile.“

Sie nickte und ging weiter. Er rief nichts hinterher, das tat er nie.

Der Brook lag hundert Schritte hinter dem Haus, und was in ihm schwamm, war teils Eis und teils das, was die Nachbarn hineingekippt hatten. Sie ging bis zu der Stelle, wo die Strömung noch etwas zog, weil das Wasser dort weniger stand.

Am Ufer hockte eine Frau von der Nummer vierzehn und spülte einen Topf. Sie sah auf, sah den Eimer und sah wieder weg.

„Weiter oben ist es besser.“

„Weiter oben ist der Zaun.“

„Dann eben nicht“, sagte die Frau und rieb den Topf mit einer Handvoll Kies aus.

Katrin schlug die Eisdecke mit dem Absatz ein und schöpfte, und was in den Eimer lief, hatte einen Rand obendrauf, den sie später abnehmen würde. Sie schöpfte trotzdem, bis er voll war, weil ein halber Eimer den ganzen Weg nicht wert war.

Der volle Eimer zog die Schulter herunter, und sie musste zweimal absetzen, bevor sie wieder auf der Marsh Lane war. Beim zweiten Mal kam Bert Mallow von der anderen Seite, ohne Karren, mit leeren Händen.

„Nachmittag wird nichts“, sagte er.

Sie stellte den Eimer ab.

„Wie, nichts?“

„Grove Green Road ist abgesagt. Die zahlen erst Freitag.“ Er sah über sie hinweg, die Lane hinunter. „Kannst nächste Woche wiederkommen.“

„Ich war heute Morgen dabei“, sagte sie. „Bei Ihrer Kohle.“

„Weiß ich.“

„Ich hab meinen Sack ausgeschüttet.“

„Hat der Ord gesagt, nicht ich.“ Er schob die Mütze zurück. „Nächste Woche also.“

Er ging um die Ecke, und sie stand da mit dem Eimer und den vier Zeitungsbogen unter dem Arm, und es war noch nicht einmal acht.

Sie trug das Wasser bis zur Tür, stellte es ab und ging nicht hinein. Drinnen war der Ofen kalt, und daran änderte der Eimer nichts.

Die High Road war vierzig Minuten weit. Hinter den Läden standen die Eimer, und was darin lag, gehörte niemandem mehr.

Sie band das Tuch fester und ging los, und die linke Hand hielt sie sich am Ärmel fest, damit sie nicht schlenkerte.

Vielen Dank – und viel Spaß beim Lesen

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